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Der Sonntagsimpuls

Der Sonntagsimpuls
Der Sonntagsimpuls
© Jeff Jacobs, pixabay.de

Pfingstsonntag

Wir feiern heute Geburtstag und können es wie alle anderen, die in den letzten Wochen Geburtstag hatten, nicht so begehen, wie wir es gerne tun würden.

Das Pfingstfest gilt als Geburtstag der Kirche, weil sich die Jünger, vom Heiligen Geist erfüllt, nach draußen wagen und die frohe Botschaft verkünden. Dass die Jünger aus der Komfortzone heraustreten und öffentlich auftreten, könnte man ja noch nachvollziehen. Erstaunlich ist, dass die Männer aus Galiäa die multikulturelle Gesellschaft in Jerusalem in der jeweiligen Muttersprache ansprechen. Und es waren nicht wenige, die sich in der Stadt aufhielten. Die Apostelgeschichte zählt sie alle auf: Parther, Meder und Elamíter, Bewohner von Mesopotámien, Judäa und Kappadókien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrýgien und Pamphýlien, von Ägypten und dem Gebiet Líbyens nach Kyréne hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselýten, Kreter und Áraber.

Es muss ein ergreifender Moment gewesen sein. Denn es wurde ja nicht nacheinander geredet, sondern gleichzeitig. Trotzdem gab es keine Sprachverwirrung, sondern über die Sprachgrenzen hinweg spürten die Menschen, dass alle dieselbe Botschaft verkündet bekamen.

Die Botschaft blieb keinem exklusiven Zirkel vorbehalten, sie galt allen Menschen. Das war und ist das revolutionäre am Pfingstfest: Die Feuerzungen machten keinen Unterschied zwischen den Menschen, vor dem Heiligen Geist sind alle gleich. Dass der Geist sich als Feuerzunge auf die Jünger herablässt, ist altes griechisches Denken; aber dass der Geist eine radikale Freiheit freisetzt und alle Sprach- und Herkunftsmauern niederreißt, bedeutet für die antike Sklavengesellschaft eine unglaubliche Provokation. Diese Provokation verdankt sich dem Himmel, sie ist nicht das Produkt von Bürgerbewegungen und Protesten. Der Heilige Geist, das Brausen vom Himmel, ist nicht verfügbar, er kommt ohne menschliches Zutun und bildet dennoch das gemeinschaftsstiftende Element. Über den Heiligen Geist sind wir seitdem untereinander verbunden und er ermöglicht uns Gemeinschaft mit Gott.

Die Unverfügbarkeit des Heiligen Geistes ist manchmal schwer auszuhalten. Zwar sagen wir oft „Gottes Geist weht, wo er will“, aber dennoch würden wir ihm gerne die Richtung vorgeben. In einer Zeit, in der wir vieles gerne unter Kontrolle haben, ist das Unverfügbare für einige eher eine Bedrohung als eine Bereicherung. Der Heilige Geist und der damit verbundene Auftrag an uns, ist eine Zumutung, aber Gott scheint uns die Aufgabe zuzutrauen. Auch wenn wir nicht wissen, wohin der Geist uns weht und welche Herausforderungen auf uns warten, es handelt um einen dynamischen Prozess. Das Wort „wehen“ bedeutet auf keinen Fall Stillstand, deshalb gehört zum Kerngeschäft der Kirche seit jeher die Sendung. So wie die Jünger*innen damals in Jerusalem, sind wir alle zur Sendung berufen. Wir dürfen uns von der Welt nicht abschotten und uns wie Schnecken in unsere Schneckenhäuser zurückziehen. Pfingsten erinnert uns jedes Jahr, im Vertrauen auf den Heiligen Geist, nach draußen zu gehen, zu den Fremden, zu den anderen, um ihnen von der Hoffnung zu erzählen, die uns trägt und auch von den Zweifeln und Ängsten. Überall dort, wo dies gelingt, ist Kirche lebendig, entstehen Orte kirchlichen Lebens.

Komm, Heiliger Geist,

du Geist der Wahrheit, die uns frei macht.

Du Geist des Sturmes, der uns unruhig macht,

Du Geist des Mutes, der uns stark macht.

Du Geist des Feuers, das uns glaubhaft macht.

Komm, Heiliger Geist,

du Geist der Liebe, die uns einig macht.

Du Geist der Freude, die uns glücklich macht.

Du Geist des Friedens, der uns versöhnlich macht.

Du Geist der Hoffnung, die uns gütig macht.

Komm, Heiliger Geist!

(Leonardo Boff)

 

Vergangene Sonntage

In diesen Wochen hört man oft, dass wir uns an eine „neue Normalität“ gewöhnen müssen. Ob wir danach jemals zur „alten Normalität“ zurückkehren können oder wollen, weiß im Moment niemand so genau. Auch die drängende Frage, wie lange die „neue Normalität“ dauern wird, kann kein Mensch seriös beantworten.

Als Christen befinden wir uns seit knapp 2000 Jahren in einer „neuen Normalität“, wenn wir uns in der Tradition der Jünger*innen sehen. Nach Jesu Tod und Auferstehung war nichts mehr wie vorher. Die Jünger*innen waren verunsichert und wussten nicht so recht, wie es mit ihnen und der Botschaft vom Reich Gottes weitergehen wird. Die drängende aller Fragen war wie bei uns in der Krise: Wie lange noch? Wie lange wird es dauern, bis Jesus das Reich Israel wieder herstellt? Die Vermutung lag nahe, dass es nicht mehr allzu lange dauern würde. In der Lesung aus der Apostelgeschichte an Christi Himmelfahrt hört man die Ungeduld der Jünger*innen: die Freude über die Auferstehung Jesu weicht dem Bedürfnis erfahren zu wollen, wann die Botschaft vom Kommen des Reiches Gottes vollendet wird. Es ist außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass sie das nicht selbst erleben werden. Vielleicht waren sie deshalb auch ein wenig irritiert, dass Jesus ihnen den Auftrag gibt, alle Völker zu seinen Jünger*innen zu machen. Ob es doch länger dauern wird als ihnen lieb ist? Sie ahnen, dass sie sich in einer „neuen Normalität“ einrichten müssen, wenn die Botschaft nicht im Sande verlaufen soll.

Die Verunsicherung ist so groß, dass sie sich, in Jerusalem angekommen, erst einmal zurückziehen. Davon hören wir heute in der Lesung aus der Apostelgeschichte: Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben…Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet. Mich erinnert das an die Zeit zwischen Karfreitag und Ostern. Auf der einen Seite der Abbruch und auf der anderen Seite erst einmal nichts Neues in Sicht. Da ist es nachvollziehbar, dass sie lieber in Erinnerungen schwelgen als die neue Aufgabe in Angriff zu nehmen. Es ist ein „dazwischen“, und niemand scheint eine Ahnung davon zu haben, was an die Stelle des Alten treten soll. Sie kennen ihren Auftrag, aber wie er umgesetzt werden kann, erschließt sich ihnen noch nicht. Sie müssen herausfinden, wie sie diesen Auftrag ausfüllen können, denn einen destaillierten Plan gibt Jesus ihnen nicht mit auf den Weg. Sie sahen sich mehr Fragen als Antworten konfrontiert. In dieser Situation tun die Jünger*innen das einzig richtige und ziehen sich zurück. Im Trubel des Alltags lässt sich solch eine wichtige Frage nicht klären. Sie nehmen sich im Obergemach Zeit zum Gebet; sie geben Gott Raum, damit sie erkennen, was zu tun ist. Sie wissen zwar nicht, wohin der Weg sie führt, aber sie vertrauen darauf, dass Gott ihn begleitet. Das ist sozusagen die Grundvoraussetzung, ohne die die Versammlung ins Leere gelaufen wäre – bis heute ist das Handeln der Kirche davon bestimmt. Die Jünger*innen ziehen sich zunächst zurück, um anschließend in die Welt hinaus zu gehen. Das Verhalten kennen wir auch von Jesus: er hat immer wieder die Einsamkeit und Ruhe gesucht, um im Gebet Kraft zu tanken und sich seines Auftrags zu vergewissern.

Es braucht Zeiten, in denen man auf sich zurückgeworfen ist, in denen man sein Leben vor Gott bringt. Zeiten, in denen man zur Ruhe kommt und sich seines Auftrages in der Welt vergewissert. Zeiten, in denen man zulässt, dass der kommende Weg ein anderer werden kann als gedacht.

Ich denke, jede*r von uns braucht solch ein Obergemach von dem die Apostelgeschichte berichtet. Einen persönlichen Rückzugsort, der es ermöglicht, mit Gott in Kontakt zu kommen und sich von seinem Geist erfüllen zu lassen.


Cornelia Simon, Pastoralreferentin

Es gibt Menschen, die pausenlos Antworten in die Welt posaunen auf Fragen, die niemand gestellt hat. Das ist mitunter unangenehm und nervig. Und es bringt auch nichts, wenn diese Menschen noch lauter zu rufen, denn wer möchte schon eine Antwort auf eine nicht gestellte Frage? In diesen besonderen Zeiten gibt es nicht wenige, die ungefragt auf alles eine einfache Antwort haben.

So etwas kann nur ins Leere laufen und ist für beide Seiten anstrengend.

Einen Gegenentwurf bietet die zweite Lesung aus dem ersten Petrusbrief. Dort heißt es: Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig.

Nur wenn wir die Frage abwarten, haben Antworten die Chance, auf fruchtbaren Boden zu fallen und nicht ins Leere zu laufen.

Nach meiner Wahrnehmung ist die Haltung, die im ersten Petrusbrief gefordert wird, im kirchlichen Kontext verlorengegangen. Wir scheinen nicht (mehr) der Strahlkraft unseres Handelns zu vertrauen. Wir haben nicht die Geduld zu warten, bis eine*r kommt und Fragen stellt, warum wir so und nicht anders handeln. Wir produzieren lieber zahlreiche Antworten auf vermeintlich gestellte Fragen.

Auf ernst gestellte Fragen klingen die Antworten oft so vorgefertigt, dass sie dem Anliegen nicht gerecht werden.

Die Kultur des Hin- und Zuhörens ist im Laufe der Zeit abhandengekommen – erst auf massiven Druck von außen scheint es sich allmählich zu ändern. Aktives Zuhören nennt man das im therapeutischen Bereich. Dies ist manchmal gar nicht so einfach wie es klingen mag.

Mein Eindruck ist, dass die Krise und die damit verbundenen Gottesdienstbeschränkungen dazu geführt haben, dass sich Menschen selbst Fragen bezüglich ihres Glaubens gestellt haben und untereinander darüber ins Gespräch gekommen sind. Der gewohnte Trott ist in allen Lebensbereichen durchbrochen worden und jede*r konnte sich auch im religiösen Bereich die Frage stellen, von welcher Hoffnung er erfüllt ist und wie das in dieser Zeit gelebt werden kann. Gerade in der Karwoche und an Ostern hat sich das nach meiner Wahrnehmung ganz besonders gezeigt. Viele, mit denen ich gesprochen habe, haben die Tage besonders gestaltet und sie intensiver als sonst erlebt, weil sie in den zwangsläufig kleinen Gemeinschaften die Gelegenheit hatten, über ihren Glauben ins Gespräch zu kommen.

Aufgrund meines Berufes komme ich öfters in die Situation über meine Hoffnung Rechenschaft abzulegen. Ich hoffe, dass ich mich bei meiner Antwort nicht hinter irgendwelchen Floskeln verstecke, sondern in verständlichen Worten davon erzähle, dass mich die Hoffnung trägt, dass ich so wie ich bin von Gott geliebt werde und mich in Gottes Liebe geborgen weiß und deshalb nichts zu fürchten brauche. Das hat mich durch alle Höhen des Lebens begleitet und ich kann aus tiefsten Herzen sagen, dass es mich auch durch die dunkelsten Stunden meines Lebens getragen hat. Für mich hat sich dies in doppelter Hinsicht als Trost erwiesen: Zum einen, weil es mich in dieser konkreten Situation getröstet hat und zum anderen, weil ich gemerkt habe, dass die Botschaft trägt. Dass die Zusage Gottes alle Wege des Lebens mitzugehen nicht bloß ein billiger Trost ist, sondern sich für mich bewahrheitet hat. Rückblickend betrachtet eine tiefgreifende Erfahrung für mich, für die ich sehr dankbar bin.

Ob man dies immer an meinem Handeln ablesen kann, bezweifle ich, zumal es mir auch nicht ständig gelingt, aber hoffentlich blitzt es doch an der ein oder anderen Stelle durch.

Cornelia Simon, Pastoralreferentin

Wir müssen uns an eine „neue Normalität“ gewöhnen. So hieß es zuletzt in vielen Äußerungen politisch Verantwortlicher. Das sollte der Mensch eigentlich gut können. Er richtet sich ja ständig in neuen Normalitäten ein. Schon die Geburt ist ja in diesem Sinne nichts anderes.

Von da an ist die Lebensgeschichte voller weiterer neuer Normalitäten: Fähigkeiten entwickeln sich und ermöglichen völlig neue Handlungsoptionen, das Umfeld wandelt sich, man heißt Menschen in seinem Leben willkommen und muss sich von Menschen verabschieden. Man wird Kindergartenkind, kommt in die Schule, macht eine Ausbildung oder studiert, baut sich eine Existenz auf. Man verwirklicht sich. Oft hat man sich aber einfach nur an Bedingungen angepasst, die man nicht ändern kann und hat das beste daraus gemacht.

In dieser Krise, die uns seit nun über zwei Monaten fest im Griff hat, wäre eigentlich nichts anderes gefordert. Man muss sich an etwas anpassen, was man nicht ändern kann und damit versuchen zu leben. Und doch, so kann man sagen, wächst die Unruhe. Sie lässt sich auf eine Frage reduzieren: Wann kann ich denn endlich in mein altes Leben zurückkehren? Sie stellt sich umso drängender, je länger die Krise dauert. Am Anfang war die Sorge groß und die Bereitschaft, sich auf viele Zumutungen einzulassen ebenso. Ein gutes Zeichen. Die Gesellschaft hält in der Not zusammen.

Diese Haltung hat uns hier im Land viel erspart. Nun fragen sich offenbar viele aber umso mehr: Wie geht es weiter? Wann und wie bekommen wir das alte Leben zurück? Bekommen wir es überhaupt zurück? Ich mag mich da nicht ausnehmen. Ich merke diese Unruhe auch. Trotz mancher Lockerung: Es fühlt sich nicht normal an. Man traut sich nicht, einen Besuch anzukündigen. Man ist vorsichtig bei jeder Art von Begegnung. Man macht nur vorsichtig Termine

Wir dürfen nun wieder Gottesdienst feiern. Ich freue mich und bin zugleich skeptisch: Wie wird das wirken? „Normal“ ist das für mich nicht. Ich merke: Ich will auch nicht, dass das „normal“ wird. Ich bin unruhig bei dem Gedanken an eine „neue Normalität“. Ich finde mich da in den Jüngern Jesu wieder. „Woher sollen wir den Weg kennen?“ heißt es im Evangelium dieses Sonntags. Die Jünger sind unsicher. Dass Jesus nicht für immer bei ihnen bleiben wird, dämmert ihnen allmählich. Aber es passt ihnen nicht. Sie wollen keine „neue Normalität“. Doch wir wissen: Sie haben sie gemeistert. Sie haben sie gestaltet. Wir können das auch. Das ist ein Trost in diesen Tagen.

Benedikt Wach

Der Mensch ist ein Herdentier – das höre ich dieser Tage oft, wenn es darum geht, dass es den Menschen schwer fällt Abstand zu halten. Komischerweise interessiert es in diesem Zusammenhang niemanden, dass das Individuum in der Herde eine untergeordnete Rolle spielt.

In der freien Natur organisieren sich Herden selbst. Es gibt größere und kleinere Herden und abhängig davon sind die Tiere mehr oder weniger vertraut miteinander. Manche Herden sind hierarchisch mit einem Alphatier organisiert, andere kommen ohne ein führendes Tier aus.

Mit Beginn der Viehhaltung hat sich der Mensch an die Spitze von Tierherden gestellt. Der Beruf des Hirten zählt zu den ältesten der Menschheitsgeschichte. Hirten waren Männer, die als Nomaden mit ihrem Vieh umherzogen auf der Suche nach guten Weideplätzen. Sie lebten in Zelten und sorgten für die Nahrung ihrer Tiere und für deren Sicherheit.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass auch die Bibel das Bild des guten Hirten aufgreift, so auch im heutigen Evangelium: Jesus ist der gute Hirte, der sich um alle Schafe kümmern will. Es scheint ein zeitloses Bild zu sein, denn nicht nur die Menschen damals, auch wir können immer noch etwas damit anfangen.

Jesus als der gute Hirte – das klingt nach Idylle pur. Der Hirte der Bibel ist der aufopferungsvolle Kümmerer, der jedes Tier beim Namen kennt und keines aufgibt. Mit der Realität des Berufes hat unser pastorales Bild wenig zu tun. Es ist ein Knochenjob, den nur noch wenige ausüben wollen und vermutlich schmunzeln viele über den Weichzeichner, den die Kirche bis heute verwendet, um den Hirten zu beschreiben.

Jesus als der gute Hirte – mit diesem Bild kann ich etwas anfangen und ich denke, viele haben Bilder im Kopf, die wohltuend sind.

Als Bild für die Kirche von heute halte ich es für überstrapaziert. Das Bild des Hirten, der sich rund um die Uhr um seine Herde kümmert, verschleiert meines Erachtens nur die hierarchisch verfasste Struktur der Kirche und die Ohnmacht der Herde.

Um im Bild zu bleiben: Mir ist in der Kirche von heute zu viel von den Hirten und zu wenig von den Schafen die Rede. Zwar sprach Papst Franziskus 2013 davon, dass Priester sich als Hirten unter die Schafe mischen und den Geruch der Schafe annehmen sollen, aber welche Konsequenzen das für die Herde hat, ist mir bis heute nicht klar geworden.

Der Hirte lebt von und mit seiner Herde. Ohne Herde braucht es keinen Hirten, das scheinen manche meines Erachtens noch nicht ganz verstanden zu haben.

Ich bin auch ein Schaf der Herde. Einer Herde, die aus der Ferne vielleicht einheitlich aussehen mag, doch bei näherer Betrachtung sieht das Bild anders aus: Viele Schafe sind nicht (mehr) bereit, fraglos den Hirten hinterherzulaufen, die Schafe streiten untereinander um die richtigen Weideplätze, weibliche Schafe wollen nicht länger nur als Mutterschafe gesehen werden. Viele Schafe wissen instinktiv, was gut für sie ist und wollen nicht mit dem Hirtenstab auf Spur gebracht werden. Manche Schafe scheinen sich außerhalb der Herde sogar wohler zu fühlen. Dass die Herde immer kleiner wird, scheint ohnehin kaum jemanden zu stören.

Will die Kirche weiterhin eine relevante Stimme in der Gesellschaft sein, braucht sie eine selbstbewusste Herde. Eine Herde, in der lebhaft diskutiert werden darf und in der es keine Denkverbote gibt. Eine Herde, deren Hirten sich am Guten Hirten Jesus messen lassen müssen.

Und es braucht schwarze Schafe, die das Bild stören, zum Nachdenken anregen und als Bereicherung gesehen werden.

Oder um es mit den Worten des ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zu sagen: „Die Kirche der Zukunft braucht kluge Hirten und eine aufgeklärte Herde, die sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst ist und davon Gebrauch macht. Das ist nicht immer bequem, schon gar nicht gemütlich.“

Cornelia Simon, Pastoralreferentin

Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?“

Liebe Leserinnen und Leser,

das heutige Evangelium zählt für mich zu den schönsten und reichsten Stellen der Heiligen Schrift.

Die Episode der Begegnung der beiden Jünger mit Jesus auf dem Weg nach Emmaus, möchte uns, so glaube ich, im Wesentlichen sagen, dass der auferstandene Christus auch heute noch wie, vor 2000 Jahren, mit den enttäuschten und traurigen Menschen wandelt, die durch die Straßen der Geschichte reisen.

Jesus hört zuerst auf die Beschwerden der beiden Jünger und erklärt dann den Sinn des Lebens, des Leidens und der Liebe. Darüber hinaus kann dieses Evangelium mir als Paradigma dienen für den Weg, den auch ich gehen könnte, um den Auferstandenen zu erkennen und ihm zu begegnen. Aber lassen wir uns vom heiligen Text leiten.

Wie wir im Evangelium lesen können, waren am Tag der Auferstehung Jesu zwei seiner enttäuschten und traurigen Jünger unterwegs zu einem Dorf Namens Emmaus. Warum waren sie enttäuscht und traurig?

Sicher, weil sie an Jesus von Nazareth geglaubt hatten und ihm hoffnungsvoll gefolgt waren. Aber jetzt, nach den Ereignissen der vergangenen drei Tage, als er gekreuzigt wurde, war alles für sie vorbei und ihre Enttäuschung war immens. Ihre Geschichte, ihre Projekte, ihre Träume schienen dauerhaft und irreparabel gefährdet zu sein. Sie hatten alles für Jesus gegeben. Ihre Häuser, ihre Arbeit, ihre Familie und alles, was ihnen Sicherheit geben konnte, haben sie verlassen, und jetzt scheint alles verloren zu sein, aus und vorbei.

Wir können uns vielleicht diese immense Enttäuschung vorstellen, den der Tod Jesu verursacht haben könnte.

Ich denke, dass viele Menschen Ähnliches erfahren und durchmachen, besonders in Zeiten des Leidens, der Enttäuschung und des Scheiterns.

Denken wir an diejenigen, die in dieser Zeit, seit der Beginn der Krise um das Coronavirus ihre Arbeit oder eine kostbare Sache oder einen geliebten Menschen verloren haben. Denken wir an diejenigen, die so viel in die Familie investiert haben und nun hilflos zusehen müssen, wie sie auseinanderfällt. Denken wir an die Eltern, die ihre Kräfte und Seelen für die Erziehung ihrer eigenen Kinder eingesetzt haben und nun feststellen müssen, dass sie den falschen Weg des Lebens weitergehen.

Denken wir an diejenigen, die noch bis vorgestern gesund wie ein Fisch im Wasser waren, jetzt aber am Bett „gekreuzigt“ sind, weil sie an einer sehr schweren Krankheit leiden.

An diejenigen, die vom Aufbau einer glänzenden Zukunft träumten, deren Pläne nun jedoch auf den Kopf gestellt wurden.

Wie sehr haben wir vielleicht auf den Erfolg unserer Pläne gesetzt und gehofft, auf unsere Familie, auf unsere Freundschaften, auf unsere Gesundheit und auf unsere Stärken, und jetzt scheint alles auseinanderzufallen...

Irgendwann nähert sich Jesus selbst diesen beiden Jüngern und geht mit ihnen. Für die Jünger war die Welt zusammengebrochen. Aber unglaublich, mitten im Scheitern in Bezug auf alles, worauf sie gebaut hatten, mitten in ihrer Enttäuschung begegnen sie Jesus.

Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten.“

Nicht weil Jesus sich verkleidet hatte oder irgendeine andere Form annahm, sondern weil sie ihn nicht erkennen konnten. Sie erkennen ihn nicht, weil sie in ihren Problemen, in ihrem Schmerz, in ihrer Enttäuschung und ihrem Leiden zu verschlossen sind. Und wenn sie zu verschlossen in ihren Problemen sind, zu überwältigt von allem, ohne jegliche Hoffnung und Glauben, können sie nichts anderes mehr sehen.

Jesus fragt sie, worüber sie gesprochen haben und warum sie traurig sind. Die beiden Jünger kritisierten sehr scharf den „Fremden“, der mit ihnen ging: „Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“

Es ist die Kritik, die auch viele von uns manchmal an Gott richten.

Es scheint uns, dass er ein „Fremder“ in unserem Leben ist, dass er die Situationen, die wir durchmachen, nicht kennt, dass er nicht mit den Informationen, mit den Nachrichten, auf dem neuesten Stand ist und wir ihm Vorwürfe machen: Gott, weißt du nicht, siehst du nicht, was mir passiert ist? Warum tolerierst du eine solche Situation, warum greifst du nicht ein? Wo bist du?

Aber Jesus lässt die beiden erst erzählen, um zu sehen, wie sie verstanden haben, was passiert ist.

Zunächst nimmt er beiden Jüngern nicht die Traurigkeit von ihren Seelen, geschweige denn, dass er sie tröstet. Das erste, was er tut, ist ihnen zuzuhören, das ist alles, Er hört ihnen zu.

Aus den Aussagen der Jünger geht hervor, dass sie die Ereignisse gut kannten. Es ist klar, dass sie gut informiert waren, alles bis ins letzte Detail wussten, aber ihnen fehlte eine sehr wichtige Sache, sie haben nicht die Bedeutung dessen, was passiert war, verstanden. Für sie ist das, was passiert ist, bedeutungslos, und was bedeutungslos ist, kann nicht akzeptiert werden.

Nachdem Jesus ihnen zugehört hat, gibt er dem Geschehenen eine andere Bedeutung und gibt den Tatsachen des Lebens eine spirituelle Tiefe.

In der Tat kann alles konfrontiert und gelöst werden, wenn eine Bedeutung, eine Motivation, gefunden wird.

Oft wissen wir vieler Dinge durchaus bewusst, die in unserem Leben und um uns herum geschehen, aber wir verstehen ihre tiefe Bedeutung nicht.

Jesus zeigt uns im heutigen Evangelium, dass es zum Verständnis der Ereignisse notwendig war, die Bedeutung der Prophezeiungen und der Heiligen Schrift zu kennen. „Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.“

Diese Erklärung wird die Jünger etwas später ausrufen lassen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?“

Jesus zeigt ihnen, dass alles, was geschehen ist, eine tiefe Bedeutung hat, auch wenn sie auf den ersten Blick tragisch, dramatisch, unglücklich oder verflucht erscheinen.

Auch wir, liebe Schwestern und Brüder, haben die Möglichkeit, uns jedes Mal, wenn wir z.B. in der heiligen Schrift lesen, oder in der Heilige Messe, vom Wort Gottes erleuchten zu lassen.

Gott spricht zu uns, erklärt die Schriften und hilft uns, den Sinn unseres Lebens und der letzten Ereignisse zu finden. Er geht mit uns, und bleibt mit uns, auch wenn es Abend wird.

Zuerst aber hört er uns zu.

 

Eronim Varga

Heute am sogenannten Weißen Sonntag und auch am nächsten Sonntag hätten wir eigentlich in sechs Kirchorten die Erstkommunion von 78 Mädchen und Jungen gefeiert. Seit September haben die Kinder sich auf den Empfang der Kommunion vorbereitet und sich darauf gefreut, in der Kirche und zu Hause ein großes Fest zu feiern. Leider müssen wir aus aktuellem Anlass die Erstkommunion später feiern, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und ich bin zuversichtlich, dass es für alle ein schönes Fest wird.

„Entdecke das Geheimnis in Brot und Wein“ lautet das Motto der Erstkommunionvorbereitung. Das Geheimnis von Brot und Wein ist so ganz anders als das, was wir üblicherweise unter Geheimnis verstehen. Es ist nichts, was wir nicht weitersagen dürfen, was nur einem exklusiven Zirkel vorbehalten ist. Im Gegenteil: Im Hochgebet antwortet die Gemeinde auf „Geheimnis unseres Glaubens“ mit der Aussage: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Es ist also genau das Gegenteil! Wir sollen unser Geheimnis nicht für uns behalten, sondern allen davon erzählen!

Warum nennen wir es dann Geheimnis? Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass wir es nicht auf den ersten Blick erkennen können. Es entzieht sich dem bloßen Ansehen, es braucht mehr, um es voll und ganz zu begreifen.

Sicherlich haben auch Sie zu Hause Gegenstände, die viel mehr als ihre Funktion erfüllen. Dinge, an denen so viele Erinnerungen hängen, dass Sie sie nicht wegwerfen können, obwohl es längst überfällig wäre. Dinge, die viel erzählen könnten, wenn es möglich wäre.

So verhält es sich auch mit dem Stück Brot in der Kirche. Als Christen können wir mehr darin sehen als Weizenmehl und Wasser, das gebacken wurde. Jesus schenkt sich uns und wir feiern seine Gegenwart in diesem kleinen Stück Brot. Das ist allein im Glauben erkennbar und mit wissenschaftlichen Messmethoden nicht nachweisbar. Das ist das Geheimnis. Und deshalb müssen wir darüber reden, es anderen erklären, damit alle verstehen, warum dieses Brot so besonders für uns ist.

Das ist letztlich genau dasselbe wie mit den alten Schuhen, die auf keinen Fall weggeworfen werden dürfen; dem Kuscheltier, das durch kein Neues zu ersetzen ist, oder mit dem ausgeleierten Pulli, der uns an unsere Jugend erinnert. Der wahre Schatz ist zunächst den Augen verborgen. Wir müssen ins Gespräch kommen, davon erzählen, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Nur so können andere das Unverwechselbare und Wertvolle erkennen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen anregende Gespräche über ihre Geheimnisse!

Cornelia Simon

Maria von Magdala geht frühmorgens, als es noch dunkel war, allein zum Grab. Jeder, der schon einen lieben Menschen verloren hat, kennt vielleicht das Bedürfnis, zum Grab gehen zu wollen, weil man sich dort dem Verstorbenen besonders nahe fühlt. Möglicherweise hat das auch Maria von Magdala bewogen, denn sie war eine Weggefährtin Jesu, eine enge Vertraute. Eine, die nicht weggelaufen ist als es bedrohlich wurde, sondern unter dem Kreuz ausgeharrt hat und bis zum Schluss Jesus treu zur Seite gestanden hat.

Beim Grab angekommen sieht sie, dass der Stein weggerollt ist. Was muss das für ein Schock gewesen sein! Jesus, dem sie nachgefolgt ist, ist nicht nur wie ein Verbrecher ans Kreuz genagelt worden, jetzt ist sogar sein Leichnam verschwunden. An Auferstehung ist in dieser Situation nicht zu denken.

Schnell läuft sie zu Petrus und dem Lieblingsjünger, berichtet was sie gesehen hat und äußert die Vermutung, dass Jesus weggenommen wurde. Im Gegensatz zu Maria trauen sich die beiden Männer in das Grab hinein und finden die Leinenbinden und das Schweißtuch fein säuberlich aufgeräumt im Grab liegen. Vom Lieblingsjünger heißt es: er sah und glaubte.

Maria von Magdala kann diesen Glaubensschritt noch nicht gehen. Zu viele Fragen, die noch unbeantwortet sind. Wieder sitzt sie allein vor dem Grab und weint. Zur Trauer um Jesus kommt die Sorge hinzu, was mit dem Leichnam geschehen ist, wer ihn weggenommen hat. Es muss ein furchtbarer Moment gewesen sein. Auch die beiden Engel im Grab können ihr keine neue Perspektive eröffnen.

Selbst als sie Jesus sieht, ist es für sie naheliegender, dass es sich um den Gärtner handelt. Und sie vermutet, dass er es war, der den Leichnam weggeschafft hat und spricht ihn darauf an. Erst als Jesus Maria mit Namen anspricht, wendet sie sich ihm zu und erkennt ihn. Aber auch danach keine Euphorie, dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Was ist nur los mit dieser Frau? Warum kann sie die Botschaft nicht annehmen? Warum zählen für sie nur Fakten? Warum kann sie sich nicht von dem Gedanken lösen, dass der Leichnam weggenommen wurde?

Ich kann Maria verstehen. Mir würde es bestimmt genauso ergehen. Ich kenne das Gefühl, dass ich nicht offen bin für eine andere Deutung, wenn sich erst einmal eine Vorstellung in meinem Kopf festgesetzt hat. Ich brauche auch immer einige Zeit, damit eine Nachricht „sacken“ kann.

In der Nüchternheit, die Maria an den Tag legt, ist sie mir sehr nah. Sie springt nicht gleich auf den „Auferstehungszug“ auf, sie nimmt sich Zeit und will verstehen. Erst danach berichtet sie, dass Jesus auferstanden ist. Dadurch gewinnt sie an Glaubwürdigkeit und wird zur Erstverkündigerin der Auferstehungsbotschaft.

Sie geht einen Schritt nach dem anderen in einem ihr angemessenen Tempo. So kann Maria auch den entscheidenden Schritt gehen und ihren bekannten Erfahrungsraum überschreiten. Und das Risiko wird belohnt: sie erkennt Jesus, der von den Toten auferstanden ist. Dadurch ist es ihr möglich, dass sie im leeren Grab mehr sehen kann.

Maria könnte uns in vielerlei Hinsicht zum Vorbild werden:

dass wir uns Zeit nehmen und nicht vorschnell alles glauben

dass wir Schritte wagen, um uns neue Horizonte zu eröffnen

dass wir unaufgeregt, aber aus tiefsten Glauben wie Maria sagen: Ich habe den Herrn gesehen!

„Wer mit der BILD im Aufzug nach oben fährt, fährt mit ihr auch wieder nach unten!“ – das wird oft mit Häme gesagt, wenn einer bildlich gesprochen auf dem Boden liegt und medial nachgetreten wird, damit die Auflage stimmt. „Selbst dran Schuld!“, schwingt da immer mit.

Ich weiß, der Vergleich hinkt, denn Jesus hat keine Homestories gegeben und wollte kein Star sein. Dennoch kommt mir diese Aussage in der Karwoche oft in den Sinn.

Heute am Palmsonntag ist Jesus für die Menschen der Star. Die Massen jubeln ihm zu und feiern ihn als den neuen König. Dass er auf einem Esel in die Stadt geritten kommt und so gar nichts von einem König verkörpert, wird geflissentlich übersehen. Die Menschen sehnen sich nach einem starken Retter und projizieren alle Sehnsüchte auf den Wanderprediger aus Galiäa. Jesus als große Projektionsfläche für die anderen, das kann nicht funktionieren. Das hält kein Mensch aus, das muss zwangsläufig zu Enttäuschungen führen - das war damals in Jerusalem nicht anders als bei uns heute.

Er ist oben angekommen, könnte man meinen. Jetzt hätte er die Gelegenheit, die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden, ohne anzuecken, ohne Fangfragen der Pharisäer befürchten zu müssen. Die Menge ist auf seiner Seite. Jeder PR-Berater würde ihm heute sicherlich raten, ein Wort an die Menschen zu richten. Und Jesus? Er schweigt. Weder ein Wort der Ermutigung noch ein Wort der Mahnung. Der Evangelist Matthäus verliert auch kein Wort darüber, wie Jesus das Geschehen erlebt hat.

Vielleicht hat Jesus bereits eine Ahnung davon, dass die, die heute jubeln, sich von ihm abwenden, wenn ihre Sehnsüchte nicht erfüllt werden.

Die Ereignisse überschlagen sich: Wenige Tage später liegt Jesus buchstäblich am Boden, es wird nachgetreten, er wird verspottet. Schließlich wird der König von Palmsonntag als Verbrecher am Karfreitag ans Kreuz genagelt. So schnell geht es von ganz oben nach ganz unten.

„Wer mit der BILD im Aufzug nach oben fährt, fährt mit ihr auch wieder nach unten!“ Und unten ist man ganz allein, könnte noch ergänzt werden.

Auch das erlebt Jesus. Selbst die engsten Vertrauten lassen ihn im Stich: im Garten Getsemani schlafen seine Jünger ein, Judas verrät Jesus mit einem Kuss und Petrus verleugnet ihn.

Ich denke, niemand liest oder hört die Passion, ohne eine Haltung zu entwickeln und die Ereignisse zu werten. Selbst wenn wir Ostern schon in den Blick nehmen, bleibt die Frage, weshalb die Stimmung so schnell kippen kann, obwohl Jesus selbst sich nicht verändert hat. Er ist seiner Botschaft treu geblieben.

Diese Frage ist die Brücke in die heutige Zeit. Warum kippt manche Stimmung so schnell? Warum werden Menschen heute bejubelt und wenige Tage später mit Dreck beworfen?

Welche Rolle spiele ich selbst dabei? Lasse ich mich von der Masse treiben oder versuche ich mir meine eigene Meinung zu bilden? Sehe ich bei allem Spektakel auch noch den Menschen oder nur den Superhelden? Kann ich trennen zwischen dem Menschen und der Funktion, die er oder sie inne hat? Bin ich mir darüber im Klaren, dass auch ich zur Zielscheibe werden kann? Halte ich es aus, manchmal mit meiner Haltung alleine dazustehen oder ist mir der Preis zu hoch?

Vielleicht können die nächsten Tage eine Gelegenheit sein, sich mehr dem kritischen Journalismus zu widmen als der Klatschpresse – im übertragenen Sinn und ganz konkret.

Cornelia Simon, Pastoralreferentin

Seit Wochen bestimmt das Corona Virus die Nachrichten. Doch die Themen, die vor der Corona Zeit das Tagesgeschehen bestimmten, haben sich seitdem nicht in Luft aufgelöst.

Noch immer bedrohen Heuschrecken in weiten Teilen Afrikas die Ernte, noch immer gibt es Krieg oder kriegsähnliche Situationen, noch immer gehen Menschen für mehr Demokratie auf die Straße und riskieren dabei ihr Leben, noch immer sind die Zustände in vielen Flüchtlingslagern katastrophal. Die Liste ließe sich um viele Themen verlängern.

Heute blicken wir besonders nach Syrien und in den Libanon, denn der 5. Fastensonntag ist Misereorsonntag und steht unter dem Motto „Gib Frieden!“ Bereits bei der diesjährigen Sternsingeraktion haben viele Kinder Geld gesammelt, um Friedensprojekte besonders im Libanon zu unterstützen. Die Menschen dort sind weiterhin darauf angewiesen, dass wir ihnen helfen und sie nicht vergessen. Friedensarbeit braucht Zeit und manchmal fällt es schwer, inmitten der Hoffnungslosigkeit Hoffnung zu schöpfen und darauf zu vertrauen, dass die zarten Pflanzen der Projekte wachsen und überlebensfähig bleiben.

Hoffen wider aller Hoffnung – heißt es in einem Lied, das manche vielleicht noch aus den Jugendgottesdiensten der 80er und 90er Jahre kennen. Das kann nicht nur über dem Misereorsonntag stehen, sondern auch über dem heutigen Evangelium. Jesu letzte Zeichenhandlung vor seinem Tod im Johannesevangelium ist die Auferweckung des Lazarus.

Maria und Marta sandten Jesus die Nachricht, dass ihr Bruder Lazarus sehr krank sei. Wenn man den Text in der Bibel liest, wird klar, dass Jesus absichtlich zu spät kommt und bewusst den Tod des Freundes in Kauf nimmt, um seine Gottessohnschaft zu demonstrieren.

Als Jesus endlich nach Betanien kommt, ist die Reaktion der Schwestern unterschiedlich: Marta eilt Jesus entgegen, während Maria traurig zu Hause bleibt.

Mitten auf der Straße trifft Marta auf Jesus und es ereignet sich etwas Besonderes. Jesus sagt zu Marta die uns vertrauten Sätze: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?“ Marta antwortet: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“

Ein Messiasbekenntnis mitten auf der Straße! Alle können es hören, es bleibt keinem exklusiven Zirkel vorbehalten. Mithalten kann da nur Petrus, der in vertrauter Runde Jesus als den Messias erkennt. Petrus erhält von Jesus daraufhin die Schlüssel für das Himmelreich, während Marta leer ausgeht – wie würde unsere Kirche heute aussehen, wenn Jesus Marta in gleicher Weise für ihren Glauben belohnt hätte? Wenn sie der Fels wäre, auf dem die Kirche gebaut ist? Das ist natürlich sehr spekulativ, aber ich finde, es lohnt sich einmal darüber nachzudenken!

Eigentlich könnte das Evangelium mit Martas Messiasbekenntnis enden. Mehr gibt es nicht zu sagen. Aber dann kommt Martas Schwester Maria wieder ins Spiel, die zu Hause sitzt, voller Trauer um ihren Bruder. Maria scheint noch nicht so weit zu sein wie Marta. Es drängt sich die Vermutung auf, dass sie die Erweckung ihres Bruders braucht, um glauben zu können. Und Jesus gewährt ihr diese Zeit, mehr noch: Er trauert mit Maria und beweint den Tod seines Freundes Lazarus. Er nimmt sie ernst und so erfährt Maria tiefste Zuwendung. Als sie am Grab stehen, bewahrheitet sich, was Marta in Jesus schon längst erkannt und bejaht hat: Jesus ist die Auferstehung und das Leben. Jesus erweckt Lazarus, die anwesenden Menschen lösen Lazarus die Binden und lassen ihn weggehen.

Die beiden Schwestern werden oft gegeneinander ausgespielt, weil viele nur die Szene aus dem Lukasevangelium vor Augen haben, bei der Marta irgendwie immer schlecht wegkommt, weil sie nicht wie Maria Jesu Worten lauscht, sondern sich um die Bewirtung der Gäste sorgt. Beim Evangelisten Johannes ist es genau umgekehrt. Da ist Marta die stärkere im Glauben.

Ich denke, wir werden Maria und Marta nur dann gerecht, wenn wir beide Erzählungen im Blick haben. Ich halte nichts von Stereotypen, die nur das entweder - oder kennen, ich mag lieber das sowohl - als auch. Ich jedenfalls kann nicht immer eindeutig sagen, ob mir Maria oder Marta näher ist.

In einem aber wäre ich gerne wie Marta: Dass ich aus vollster Überzeugung und aus tiefsten Glauben auf die Frage: „Glaubst du das?“, mit: „Ja, Herr, ich glaube!“ antworte.
 

Cornelia Simon, Pastoralreferentin

An diesem Sonntag wird es zum ersten Mal so sein, dass sich niemand die Frage stellen muss, ob er in die Kirche gehen will oder nicht. Es wird keine Diskussionen am Familientisch geben, ob die Kinder mitgehen sollen oder ausnahmsweise zu Hause bleiben dürfen, ob man lieber in die eine oder andere Gemeinde geht oder das ausgedehnte Frühstück viel schöner ist – die ein oder andere Situation kommt Ihnen vielleicht bekannt vor.

Vergangene Woche hat Bischof Bätzing in einem Brief an die Gläubigen diesen drastischen Schritt erklärt. Beim Lesen des Briefes hat mich eine Aussage sehr nachdenklich gestimmt. Bätzing schreibt: „Die Verbreitung des Coroana Virus ist gewiss keine Strafe Gottes, vor der wir Angst haben müssen und der wir nicht entkommen können. Gott liebt uns bedingungslos und er möchte, dass es uns gut geht. Dieser Liebe können wir uns ganz gewiss sein.“ Mich hat es fast ein wenig traurig gestimmt, dass dies noch einmal betont werden muss. Gibt es wirklich Menschen, die meinen, Gott will uns mit dem Virus bestrafen? Ich muss gestehen, dass ist außerhalb meiner Vorstellungskraft. Ich dachte, diese angstmachende Vorstellung von Gott hätten wir überwunden. Vermutlich habe ich das falsch eingeschätzt, umso froher bin ich, dass Bischof Bätzing klare Worte findet.

Jesus war es, der diese Denkstrukturen aufgebrochen hat. Davon berichtet auch das heutige Evangelium. Jesus heilt einen Mann, der von Geburt an blind war. Für die Menschen zur Zeit Jesu war klar, dass Krankheit immer etwas mit sündigem Verhalten zu tun hatte. Da muss doch etwas passiert sein, dass dieser Mann blind ist. Bei dieser Beeinträchtigung kann es sich nur um eine Strafe Gottes handeln. Aber wer hat hier gesündigt? Er selbst oder die Eltern? Die Jünger waren verunsichert. Jesus gibt ihnen eine klare Antwort: Weder die Eltern noch der Mann haben gesündigt.

Jesus kann mit dem Denken seiner Zeit nichts (mehr) anfangen. Jesus, der sich so sehr und ausnahmslos in der Liebe Gottes geborgen weiß, setzt diesem Denken die Heilung des Mannes entgegen. Er will, dass die Menschen heil werden, sich geborgen wissen und nicht in Ängsten gefangen sind. Dies ist die Botschaft, die Jesus als Sohn Gottes in die Welt trägt. Er glaubt an einen Gott, der das Leben will.

Wir sind mitten in der Fastenzeit angekommen. „Kehr um und glaub an das Evangelium“ – damit beginnt am Aschermittwoch die österliche Bußzeit. Die griechische Übersetzung des Wortes metanoeite bedeutet nicht nur kehrt um, sondern kann auch mit denkt um oder denkt neu übersetzt werden.

Denkt um, denkt neu – das gibt Jesus nicht nur den Jüngern mit auf den Weg.

Denk neu von Gott - verabschiede dich von einem angstmachenden und kontrollierenden Gott.

Denk neu vom Menschen – trau ihm zu, dass er sich zum Guten verändern kann.

Denk neu von dir – wage Neues, hab keine Angst.

Ihre Pastoralreferentin Cornelia Simon